|
Ouagadougou-Newsletter # 15 - Nachlese
Rückkehr, Rückblick, Rückbesinnung
Konstanz, 21.09.2006
20.08.2006 23:26, Ouagadougou, Zivihaus
In einer halben Stunde werden Marcus und ich den Weg zum Flughafen antreten - antreten müssen, um uns von einer Stadt zu verabschieden, von einem Land, ja, von einem ganzen Kontinent. Und natürlich: von Menschen, die uns wichtig geworden sind, die uns mit offenen Armen empfangen haben, Freunde geworden sind.
Die letzten Tage waren anstrengend - nicht nur, weil noch viel Arbeit liegengeblieben war und der DVD-Brenner im entscheidenden Moment den Geist aufgegeben hatte, nein, vor Allem, weil es nicht einfach gefallen ist, mich von diesem, meinem afrikanischen Leben zu trennen. Abschiede waren zahlreich und eindrücklich. Doch burkinische Gelassenheit hilft: „Kein Problem, dann sehen wir uns eben beim nächsten Mal wieder!“
21.08.2006 04:04, über Ouagadougou, Sitz 6F
Ein letzter Blick auf die Lichter dieser verrückten Stadt, die mir Heimat geworden ist: klar sichtabr sind die wenigen großen Straßen, die vereinzelten Lichter auf den Höfen, die weiten dunklen Flächen in den Randbezirken, wo die Elektrizität noch nicht angekommen ist. In Gedanken bin ich dort unten, bei den vielen Menschen, für die Überleben alles ist, das Leben ein einziger Kampf.
Schon nach wenigen Minuten sind die letzten Lichter verschwunden, alles ist jetzt in Dunkelheit gehüllt. Auch über meine Gedanken senkt sich ein schwarzer Schleier der Erschöpfug. Doch vom Start bleibt das flaue Gefühl in der Magengegend.
21.08.2006, 12:07, Casablanca, Hotel Ajiad ****
Heute morgen bin ich in Casablanca gelandet, der funkelnden Hafenmetropole Marokkos.
Selbst die Afrikaner, die hier im Norden deutlich hellere Haut haben, müssen sich über mich gewundert haben, als ich nach der Ankunft im Flughafen auf der Rolltrepe plötzlich große Augen bekam und geschockt erstarrte, oder als ich vor lauter Begeisterung eine halbe Stunde nicht anderes tun konnte, als mit dem Hotelaufzug immer wieder von der untersten in die oberste und dann wieder in die unterste Etage zu fahren.
Jetzt, in meinem Hotelzimmer, dass mir wie ein kleiner Palast vorkommt, beginne ich langsam, zu begreifen, dass meine Zeit in Ouagadougou abgelaufen ist. Zwar bin ich noch in Afrika, den Kulturschock muss ich aber schon jetzt ertragen, so europäisch-perfekt kommt mir alles vor. Gute Infrastruktur, angenehme Luft, überhaupt alles, das mir ein Jahr gefehlt hatte, ohne dass es mir wirklich gefehlt hätte: funtionierende Toilette, bequemes Bett, Klimaanlage, Fernsehen, Dusche mit warmem oder klatem Wasser nach Wahl, Badewanne, Sauberkeit...
Die Situation erschlägt mich, sie überfordert meinen Kopf. Morgen geht mein Flieder nach Zürich - vielleicht schaffe ich es davor ja nocheinmal, die schöne Altstadt, den Hafen und die Märkte Casablacas u besuchen. Für heute aber fehlt mir die Energie. Erschöpt sinke ich in die weichen Kissen meines perfekten Betts. Ich muss an Marcus denken, den ich gerade nach einem Jahr gemeinsamen Lebens und Teilens verabschieden musste, und an meinen Bruder, meine Eltern, meine Freunde, die ich schon bald nach einem langen Jahr wiedersehen darf. Endlich!
23.09.2006, 10:47, Konstanz, Kinderzimmer
Ein Monat ist vergangen, seit ich zum ersten Mal wieder Fuß auf europäischen Boden gesetzt habe. Ich weiß jetzt, dass ich wieder zu Hause bin, und was mir Heimat bedeutet, wo ich herkomme, wo ich stehe, und wo ich hin will.
Ein Jahr Afrika, dass mich geprägt hat, oft nicht einfach war, aber doch immer lohnend, erscheint mir nun wie ein weit entfernter Traum, eine Illusion aus einer anderen Welt. Ich werde wohl noch einige Zeit brauchen, um alles verarbeiten zu können, um wirklich zu verstehen. Ein Jahr zu verstehen, dass so vielfälltig und aufregend war, so neu und so überreschend: ein Jahr staunen, ein Jahr helfen, ein Jahr lernen. Ein Jahr für andere, aber auch ein Jahr für mich. Ein Jahr Afrika.
Weil über ein Jahr Afrika noch viel mehr geschrieben und erzählt werden kann, als hier Platz hat, stellen Marcus und ich einen Bericht und einen Vortrag über unsere Arbeit und unser Leben in Ouagadugou zusammen. Beides wollen wir bis zum Jahresende abschließen und präsentieren, Infos dazu wird es rechtzeitig per Mail und auf jannspiess.de geben!
 Über der Sahara
 Die Moschee von Casablanca
 Einsam in Marokko
| |